nachgerade

Jede Nationalmannschaft der teilnehmenden Länder durfte sich jetzt einmal zeigen. Genauer: Mindestes einmal, denn der traurige Auftritt der Südafrikaner gesterntags war nicht nur traurig, sondern bereits der zweite bei dieser WM-Endrunde. Nachgerade traurig bis unterirdisch waren viele dieser Rasenballsport-Darbietungen. (Nachgerade im Sinne von buchstäblich, förmlich, geradezu.) Torwächter sollen eigentlich Tore verhindern, verschuldeten aber viele der wenigen Tore. Die Plastiktröten, international als Vuvuzelas bezeichnet, klingen da fast wie ein Abgesang in Ais. Die handelsüblichen Uweseelers Vuvuzelas geben nämlich (wer das mit h schreibt, ist irgendwas, ich habe es vergessen) einen einen Grundton mit einer Frequenz von 233 Hertz von sich. Nachgerade hirnerweichend.

Vielleicht erleben wir ja eine sukzessive Verbesserung der Spielqualität; man sollte diesbezüglich die Hoffnung nicht aufgeben. Nachgerade ist so ein schönes Wort, auch für allmählich, nach und nach kann man es einsetzen, und nachgerade köstlich liest sich die Definition bei stupedia.

Was beispielsweise Max Frisch konnte, können Sie auch, wenn Sie sich von den Aussagen bei stupedia nicht ins Bockshorn jagen lassen. Nutzen Sie dieses in Vergessenheit geratene Wort doch einfach mal. Jetzt treibt es mich aber nachgerade vor den Fernseher — die Argentinier wollen den Südkoreanern zeigen, wo die Prioritäten im Weltfußball gesetzt sind.

Nachgerade herzlichst,

Ihr kunstGRIFF

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Ich gestehe!

Ich habe es auch schon getan. Sogar mehrfach. Und ich hatte kein schlechtes Gewissen und ich habe mich nicht geschämt. Ich habe es einfach gemacht. Ich habe „innerer Reichsparteitag“ in einen Satz eingebaut. Als Ausdruck meiner hämischen Freude über irgendetwas. Auch meine politisch sehr links orientierten Eltern haben es gemacht. Also bin ich ein Erziehungsopfer. Auch meine Großmutter hat es gemacht. Die seinerzeit als alleinerziehende Mutter in einem kleinen Dorf in Gallien die örtliche Nazi-Kommandatur durch permanente Penetranz genervt hat und Flüchtige auf dem Dachboden versteckt hat. Fragen Sie nicht nach Einzelheiten.
Ergo ist das eine Erblast. Und ich kann nichts dafür.

Wie gut, dass ich aber nicht Frau Müller-Hohenlüdenscheidt bin und das im Fernsehen vor Miooonen von Zuschauern geäußert habe. Dass sie nicht mittlerweile der öffentlichen Real-Steinigung zugeführt wurde, liegt wohl nur daran, dass das einfach nicht mehr zeitgemäß ist. Das macht man heute über twitter. Und per „Welt online“, die sich auch in der Vergangenheit dieses geflügelten Spruches völlig geschichtslastfrei gerne bedient hat, davon jetzt aber vor lauter moralinsaurer Empörung nichts mehr davon wissen will.

Moralinsauer ist übrigens auch ein treffliches Wort, das mir gerade anlässlich der laufenden WM ständig in den Sinn kommt. Warum nur, warum?

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Das Geläuf

Das Geläuf ist dem einen oder anderen aus dem Pferdesport geläufig, genauer: aus dem Galoppprennsport. Das Geläuf ist der Untergrund, auf dem die Pferde laufen. (Wer hätte das gedacht?) Dass man zwischen Turf (einer Grasbahn) und Dirt Track (einer Sandbahn) unterscheidet, ist dem Jäger, der mit Geläuf eine Fährte oder Spur bezeichnet, solange sie nicht vom Schalenwild, also den Paarhufern, hervorgerufen wurde, herzlich einerlei.

Ich gestehe, das Wort Geläuf ist nicht in jeder Lebenslage anwendbar, aber es ist ein schönes Wort, und gerade jetzt, zu Zeiten des Fußball-Weltmeisterschaftsturniers, erlebt es eine Renaissance und gleichzeitig Neuinterpretation: Der Rasen in den südafrikanischen Stadien wird von den Reportern ebenfalls hin und wieder als Geläuf bezeichnet.

An all jene, die mich dabei ertappt haben, entgegen anderslautender Vorankündigungen nun doch bei der WM reinzuschauen: Es tut mir leid.

Ich sehe dem Geschehen auf dem Geläuf zu, mal mit mehr, mal weniger emotionaler Beteiligung, aber ganz zwanglos, ohne Druck und — bislang! — ohne WM-Fieber.

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Lautmalerei

Viele von außerhalb der Republik beneiden uns. Beneiden uns um Worte, die mit einem davon etwas auszudrücken vermögen, was in der Übersetzung mit vielen Sätzen nicht gelingt.

Die Lautmalerei ist eines davon. Versuchen Sie mal, eine annähernd passende Übersetzung dafür zu finden. Onomatopoeia oder echoism sind englische Entsprechungen, die jedoch lange nicht die Strahlkraft der Lautmalerei erreichen. Die Franzosen bieten uns auch nur die onomatopée an.

Auf diese Onomatopo-Nummer haben natürlich weder das Englische noch das Französische einen Exklusivanspruch. Deutsche Synonyme für die Lautmalerei sind beispielsweise Onomatopöie oder Onomatopoesie. Altgriechischen Ursprungs übrigens, aber wir sind ja wegen der Lautmalerei als solcher hier. Wenn Sie mich fragen: Lautmalerei ist die perfekte Symbiose aus einem klanglichen Ereignis und der bildlichen Darstellung derselben, vereint in einem Wort, dass für sich selbst spricht und keine Fragen offen lässt. Was man von einem Begriff wie Onomatopöie nicht gerade behaupten kann, obgleich er schon schlauer klingt — aber keinesfalls schöner.

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Kokolores

Auch ein bedrohtes Wort, dessen Herkunft etwas ungewiss zu sein scheint, um es mal vorsichtig zu formulieren.

Mit dem mittelniederdeutschen gokeler, dem Gaukler, hat man es schon in Verbindung gebracht, auch mit dem lateinischen Ausdruck für Hahn, cockalorum. Aus dem Französischen kennt der ein oder andere womöglich den coq, der dieselbe Wurzel hat.

Im Etymologischen Wörterbuch des Deutschen von Kluge wird auf eine mögliche Verbindung des pseudo-intellektuellen Gebrauchs lateinischer Worte mit dem Wort für Hahn hingewiesen, bezichtigt man ihn, den Gockel, doch aufgrund seines Habitus und des Hahnenschreis oft der Eitelkeit und Prahlerei.

Wie dem auch sei: Kokolores steht für Unsinn, dummes Geschwätz. Und bevor das hier in ein solches ausartet, rufe ich zur Rettung des Wortes Kokolores, zu dem mir kein Geschlecht geläufig ist, auf und komme zum Ende.

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Das Kinkerlitzchen

Kinkerlitzchen, vom französischen la quincaillerie abstammend, bezeichnet wunderbar luftig eine Nichtigkeit, etwas Überflüssiges und Unsinniges, manchmal nur ein Detail, zuweilen auch einen Gedanken.

Kinkerlitzchen ist ein Wort für eine Sache, der es sich zu entledigen gilt. Somit ist es flüchtig, negativ wertend und im richtigen Zusammenhang mächtig, kann es doch dafür sorgen, dass die als Kinkerlitzchen identifizierte Sache von der Bildfläche verschwindet.

Vor allem aber ist es um ein Vielfaches schöner als etwa „Schwachsinn“ oder „Gedöns“ und kann es allenfalls noch mit Firlefanz aufnehmen.

Manche halten das Kinkerlitzchen für umständlich und verzichtbar. Beides sind Trugschlüsse, wenn Sie mich fragen.

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Das Augäpfelchen

bild: auge in acryl Klar können Sie das rein anatomisch verstehen, aber ich habe noch nie einen Ophthalmologen getroffen, der seinen Patienten „mal aufs Augäpfelchen“ schauen möchte. Ein augenärztlicher Fachbegriff ist es also eher nicht.

Jenseits aller „Schatzis“, „Schnuckelchen“ und „Süßen“ gibt es herrliche Worte, um innige Zuneigung zu jemandem auszudrücken. Augäpfelchen ist eines meiner liebsten.

Wer etwas wie seinen Augapfel hütet, der passt sehr gut darauf auf, ist doch der Sehsinn unser wichtigster. Meine Kinder sind meine Augäpfelchen, und solange ich das nicht auf dem Schulhof zu ihnen sage, finden sie es sogar richtig gut. Meine Frau ist ebenfalls ein Augäpfelchen.

Ja, auch das Augäpfelchen hat sich weitgehend zurückgezogen aus unserem Sprachgebrauch. Leider. Wo doch das Augäpfelchen eines meiner … Augäpfelchen ist.

Jetzt aber hurtig zurück an die Arbeit. Müßiggang ist bekanntlich aller Laster Anfang. Aber das steht auf einem anderen Blatt.

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